14. August 2026
Der Reflex der KI-Jäger
Über die Rolle künstlicher Intelligenz im Journalismus
Bald schreibe ich seit 20 Jahren Artikel für Zeitungen und Magazine. Noch nie hat die Medienbranche derart stark mit der Frage gerungen, was sie leisten und welche Mittel sie dafür einsetzen soll. Auslöser der Diskussion ist das Aufkommen von Sprachmodellen, besser bekannt als generative künstliche Intelligenz.
Plötzlich sind da Maschinen, die ebenfalls Texte, Bilder und Videos produzieren können. Das stellt das Selbstverständnis jener Leute infrage, die darin ihr Auskommen finden, Texte, Bilder und Videos zu veröffentlichen und dafür Geld zu verlangen. Besonders jenes der Medienschaffenden also.
Hexenjagd auf KI-Autoren
In den letzten Wochen hat sich diese Identitätskrise in einer Diskussion entladen, die zuweilen einer Hexenjagd gleichkam: Autoren renommierter Medien und Politiker wurden mit dem Vorwurf konfrontiert, sie hätten ihre Meinungsbeiträge mittels Chatbots wie ChatGPT oder Gemini verfasst. Bemerkenswert ist, was der Anfang Monat in Kraft getretene «AI Act» der EU dazu sagt: Er verlangt eine Kennzeichnung KI-generierter Texte – aber nur, wenn niemand sie redaktionell verantwortet. Nicht die Maschine ist das Kriterium, sondern der Mensch, der geradesteht. Mitte dieser Woche kündigte Anthropic hingegen an, Texte aus seinem Sprachmodell Claude künftig mit einer unsichtbaren Markierung zu versehen. Die zeigt jedoch nur, dass die Maschine beteiligt war. Ob jemand den Text bloss glätten liess oder das Denken gleich ganz delegiert hat, unterscheidet sie nicht.
Die Debatte hatte einen starken moralischen Anstrich: Wer KI zum Schreiben nutzt, verkauft seine Leserschaft für dumm. Oder: Gut kann ein Text nur sein, wenn er von A bis Z von einem Menschen verfasst worden ist. Ich kenne diesen Reflex. Sobald ich merke, dass in einem Text viele KI-typische Formulierungen vorkommen, verliere ich ein Stück Achtung vor dem Autor oder der Autorin. Ich unterstelle, dass die Person die gedankliche Arbeit, die hinter dem Text steckt, nicht selbst geleistet, sondern sie der Maschine delegiert hat. Aber so ist das eben mit Reflexen: Hin und wieder feuern sie vorschnell oder in die falsche Richtung. Ich muss mich dann daran erinnern, einen Gedanken an seinem Gehalt und weniger an seiner Form zu messen. Nur: Das wird auch das in Aussicht gestellte Wasserzeichen von Claude nicht leisten können.
Die Hausregeln
Natürlich kann man KI-Artikel schreiben lassen. Nur ist das Resultat bestenfalls Mittelmass. Denn genau darauf sind die Sprachmodelle trainiert: Sie liefern auf den Durchschnitt getrimmte Sprache, ohne Reibung, ohne Signatur und oft auch ohne echten Inhalt – und das ist es, was KI-Texte so schal macht. Solchen Journalismus wollen wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, nicht zumuten. Deshalb der Passus in unseren Hausregeln, dass KI nicht den massgeblichen Anteil eines Artikels generieren darf.
Interessant wird es jedoch, wenn wir beim Einsatz von KI nicht nach dem Wieviel, sondern mehr nach dem Wofür fragen. Betrachten wir die für den Pulitzer-Preis nominierten Arbeiten der Kolleginnen und Kollegen von New York Times, Washington Post und so weiter, so wird bald klar: Künstliche Intelligenz hat ihren Platz im Journalismus. Nämlich beim Durchforsten grosser Dokumentensammlungen, beim Transkribieren von Audio und Video, beim Entschlüsseln kryptischer Texte.
Übermenschlicher Aufwand
Ein Beispiel: Nach einer Flutkatastrophe in Texas liess das «Wall Street Journal» sämtliche öffentlichen Sitzungsprotokolle des Bezirks automatisiert einsammeln und von einem Sprachmodell zusammenfassen, um Spuren früherer Überschwemmungen zu finden. Die Maschine sortierte nur den Papierberg, gelesen haben ihn die Journalisten selbst. Die Artikel sind offenbar preiswürdig.
KI dient hier nicht als Ersatz fürs Schreiben oder Sprechen und schon gar nicht fürs Denken, sondern hilft bei Aufgaben, die ansonsten gar nicht oder nur mit einem übermenschlichen Aufwand zu meistern wären. Wer KI nur dazu nutzt, schneller «Content» zu generieren, bleibt in der ökonomischen Zwangsjacke von Kosten und Effizienz stecken – und vernachlässigt das, was Journalismus ausmacht: Urteil, Orientierung, Verantwortung.